#1

Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 10.07.2017 13:17
von Rinam Sewie • 473 Beiträge

Karma verfolgt euch überall hin!


Da bin ich an einem Nachmittag mit den Eltern im Paunsdorf Center unterwegs, komme nach meinem Besuch beim Optiker nur kurz durch die "Fressmeile", und werde Zeuge eines epileptischen Anfalls inmitten eines Sitzbereiches voller Menschen. Die Frau des Mannes war sichtlich überfordert, da beide ein kleines Kind mit sich hatten. Es klirrte Geschirr und Glas.

...niemand drehte sich auch nur um. Nur ich, welcher die Situation aus 15m Entfernung bemerkte, kam um zu helfen. Brüllte Personal und Passanten zur Mithilfe auffordernd an....


Aber wir leben doch in einer gewöhnlich zivilisierten Welt, oder?




Ein paar Tage später.
Ich kam vom Spätdienst und traf beim Einkauf Freunde. Für jemanden wie mich, der alleine lebt, ist etwas Gesellschaft nach der Arbeit immer willkommen. Wir verbrachten spontan noch etwas Zeit und saßen draußen.
Währenddessen lief uns eine Person über den Weg. Plump gekleidet, ein großer Plastikbeutel auf der Schulter tragend, eher ungepflegt, wirkte auf mich zunächst wie eine geistig beeinträchtigte Person.
Wir wimmelten sie ab. Ihr müsst wissen, hier gibt es einige behinderte Menschen, die zwar unter Betreuung stehen, aber in WGs größtenteils selbständig miteinander leben. Sei meinen es nicht böse, wenn sie einen hier und da treffen und einem ein Gespräch anzetteln wollen, doch nerven sie nach ner Weile schnell und werden schnell anhänglich, dass sie einem förmlich bis nach Hause folgen.

Später, als wir langsam nach Hause schlenderten, gingen wir durch eine Allee mit ein paar Bänken. Es war schon längst dunkel.
Es kam uns ein Paar mit drei Kindern auf Fahrrädern entgegen. Der Mann warnte uns noch durch Zuruf (Achtung! Wurzener Assi-Jargon): "Ey ihr müssd offbassn! Da drüm isn Flüchtling und schnorrt de Leute an!"
Wir musst lachen, da wir im Schatten einer Laterne erkennen konnten, dass es die selbe Person war, die wir vor kurzem erst abwimmelten.
Als wir allerdings näher heran kamen und sahen, dass sie eine Decke und ein Kissen aus ihrem Beutel zog und auf einer Parkbank ausbreitete, verstummte unser lachen.
wir kamen nun doch in ein Gespräch. Sie sprach nur brockenweise Englisch und Deutsch, was das gesamte Gespräch erschwerte.
Ein Check ihrer Papiere, und viel Geduld beim Übersetzen verschaffte und ein genauere Bild:
Sie war Rumänin, wurde als Zigeuner hierher nach Hamburg verfrachtet und hatte es dort nicht besonders gut. Ihre Familie wurde bereits wieder zurück deportiert, während sie auf der Straße mehrmals verprügelt und ausgeraubt wurde.
Wir saßen im Licht, und ich konnte diesmal ihr Gesicht richtig erkennen. Sie war völlig ausgehungert, die hätte allein im Gesicht mehrere Hämatome und ihr fehlten bereits mehrere Zähne.
Wir gaben ihr zu Essen und Wasser. Sie zog fast die gesamte 1,5l Flasche in einem Zug weg, so durstig war sie.

Wir waren uns einig: Wir können sie da nicht liegen lassen. Aber wohin mit ihr mitten in der Nacht? Die Notaufnahme würde keine ernsten Verletzungen feststellen und sie wieder vor die Tür setzen.
Die Polizei würde sie einkerkern, filzen, verhören und irgendwo hin verfrachten, wo sie nicht hin kann oder will.
Notunterkünfte gibt es hier in Wurzen keine.
Also nahmen wir sie zumindest für eine Nacht auf, zum Glück wohnten meine Freunde nur ein paar Meter weg.
Sie war so dankbar, dass sie uns vor Freude schon küssen wollte.

Dort trennte sich mein Weg von den anderen.

Ich ließ Revue passieren. Ich fühlte mich schlecht bei dem Gedanken daran, erst so egoistisch gewesen zu sein.

Selbst nach allem was ich bisher sah, war dies in dem Moment zu viel für mich... Ich musste mit den Tränen kämpfen.




Doch wir leben doch alle in einer gewöhnlichen Welt, oder?


"Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"
nach oben springen

#2

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 10.07.2017 15:18
von Jedei Groß Meister Jonas • 40 Beiträge

Oha ok krasse Geschichte ich wüsste nicht wie ich reagiert hätte


Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur.
nach oben springen

#3

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 11.07.2017 11:29
von Vrooktar • 1.505 Beiträge

Ich kann nicht wirklich sagen wie ich reagiert hätte.
Der Vorteil an solchen Situationen ist noch, dass man Zeit hat darüber nachzudenken was das beste wäre, das macht es leichter mit den Konsequenzen zu leben.
Das Problem ist halt, wenn man keine richtig guten Optionen hat.


Lerne das unbeherrschbare zu vermeiden und das unvermeidbare zu beherrschen.

nach oben springen

#4

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 11.07.2017 15:44
von Rinam Sewie • 473 Beiträge

Ich bereue diese Entscheidung nicht.

Und ja. Ich bin froh, nicht mit dieser Entscheidung alleine gewesen zu sein


"Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"
nach oben springen

#5

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 15.07.2017 21:54
von Ryia • 36 Beiträge

Ich hatte auch schon krasse Situationen... Ein stark betrunkener Mann mit einer Frau in ner dunklen Gasse, er ist ihr sehr nah gekommen, die Situation war nicht eindeutig -> es kamen noch andere dazu, wir haben uns kurz besprochen, ich habe die Polizei gerufen (es hat erschreckend lange gedauert, bis jemand ans Telefon ging, das dürfte eigentlich nicht sein). Ein Mann, der wie selbstverständlich mit seinem E-Rollstuhl die Straße entlang fuhr -> habe ihn gefragt, ob ich ihm helfen kann und ihn dann auf den Bürgersteig zurück geholt, eine Fahrradfahrerin ist noch stehen geblieben und hat ihre Hilfe angeboten. Auf der Arbeit wäre einer Pflegerin fast ein Mann erstickt -> ich habe den Krankenwagen gerufen. In der letzten Situation hätte ich vom Gefühl her den Krankenwagen einige Minuten früher rufen wollen, aber sie sagte vorher, sie schaffe das und ich konnte die Situation nicht gut einschätzen.

Das, was dir passiert ist Rinam, ist schwierig. Eigentlich sollten überall Notunterkünfte sein. Ich würde mich aber vermutlich nicht trauen, alleine jemanden mit zu mir nach Hause zu nehmen.


zuletzt bearbeitet 15.07.2017 21:59 | nach oben springen

#6

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 19.07.2017 16:58
von Qui-Ran Demera • 10 Beiträge

Weißt Du Rinam... mir kommt das bekannt vor.

Hier in Wien sind viele organisierte Bettler unterwegs und spielen einem auf Knopfdruck den perfekten, sterbenden Schwan vor, aber arm oder gar bedürftig sind sie nicht.
So war ich vor einiger Zeit mit meiner Mutter in die Stadt unterwegs, und auf dem Weg zum Geschäft wurden wir von drei dieser Bettlermafia-Herrschaften nicht nur angeschnorrt, sondern auch angepöbelt. Da hatten wir schon genug.

Nach unseren Einkäufen aßen wir dann eine Kleinigkeit beim Asiaten. Ich bemerkte schon bald im Augenwinkel eine hagere, unsichere Frau. Sie kam näher und wollte mit zitternden Händen zu sprechen beginnen, da bellte meine Mutter - unter dem Eindruck der Geschehnisse vorher - ein lautes und deutliches "NEIN!" in ihre Richtung.
Sie zuckte sehr zusammen und ging hängenden Kopfes ihrer Wege. Ich beobachtete das, meine Mutter auch...
Da sagte ich, dass ich glaube, dass wir dieses Mal die Falsche "erwischt" hatten. Also schnappte ich mir Teile meines Essens und lief der Frau nach. Ich fand sie bei einer Bank, an die Laterne gedrängt, weinend. Da fühlte ich mich ja schon mies... ging dann zu ihr und fragte, ob sie Hunger habe.
Sie sagte ja; ich gab ihr mein Essen und es verschwand in Rekordzeit in ihr.

Sie meinte, sie säße momentan auf der Straße, weil das Sozialamt ihrem Antrag noch nicht stattgegeben, aber der alte Mieter sie schon rausgehauen hätte. Blaue Flecken hatte sie auch überall... ich wusste damit sicher, dass diese Frau wirklich arm dran war, ganz gleich, ob ihre Worte zu 100% wahr waren.

Meiner Mutter tat ihre Reaktion am Ende auch leid; unter dem Eindruck von Menschen, welche die Armut anderer mißbrauchen, handelt man schnell unfair.

Und doch: Wenn Du Dich am Ende dazu entscheidest, innezuhalten, nachzuforschen und doch zu helfen, tust Du das Richtige und hast die Sache ja "wieder gut gemacht".

Wie ging es denn weiter mit der Dame bei Dir?


"So tief Du auch in Deinen Idealen und Deinem Glauben verwurzelt bist; lasse sie nie zu Grenzpfeilern Deines Verstandes werden!"
nach oben springen

#7

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 20.07.2017 18:24
von Rinam Sewie • 473 Beiträge

Furcht ist ein schrecklicher Meister.

Ein paar Tage später traf ich eine der Freunde bei der Post.
Sie aß sich satt, sie duschte und schlief auf der Couch.
Allerdings geriet sie in Panik als sie mitbekam, dass meine Freunde sich wieder an die Behörden für weitere Hilfe wenden wollten. Sie dachte wahrscheinlich, sie würden die Polizei rufen.
Sie verschwand plötzlich, lief aber stadtauswärts und nicht einwärts wie erwartet, was dafür sprechen mag, dass sie sich wirklich von Ort zu Ort trempt.

Als meine Freundin ihre Sachen prüfte musste sie feststellen, dass 15€ in ihrem Portmonee fehlten, aber sie sah drüber weg. "Das arme Ding hatte sie mehr nötig als ich", meinte sie nur.

Seither wurde die Frau aber auch nicht mehr gesehen.


"Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"
zuletzt bearbeitet 20.07.2017 18:25 | nach oben springen

Legende - Initiant, Novize, Varlet, Ritter, Precept, Meister
Besucher
0 Mitglieder und 3 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Nandulf
Forum Statistiken
Das Forum hat 417 Themen und 3511 Beiträge.