#1

Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 10.07.2017 13:17
von Rinam Sewie • 557 Beiträge

Karma verfolgt euch überall hin!


Da bin ich an einem Nachmittag mit den Eltern im Paunsdorf Center unterwegs, komme nach meinem Besuch beim Optiker nur kurz durch die "Fressmeile", und werde Zeuge eines epileptischen Anfalls inmitten eines Sitzbereiches voller Menschen. Die Frau des Mannes war sichtlich überfordert, da beide ein kleines Kind mit sich hatten. Es klirrte Geschirr und Glas.

...niemand drehte sich auch nur um. Nur ich, welcher die Situation aus 15m Entfernung bemerkte, kam um zu helfen. Brüllte Personal und Passanten zur Mithilfe auffordernd an....


Aber wir leben doch in einer gewöhnlich zivilisierten Welt, oder?




Ein paar Tage später.
Ich kam vom Spätdienst und traf beim Einkauf Freunde. Für jemanden wie mich, der alleine lebt, ist etwas Gesellschaft nach der Arbeit immer willkommen. Wir verbrachten spontan noch etwas Zeit und saßen draußen.
Währenddessen lief uns eine Person über den Weg. Plump gekleidet, ein großer Plastikbeutel auf der Schulter tragend, eher ungepflegt, wirkte auf mich zunächst wie eine geistig beeinträchtigte Person.
Wir wimmelten sie ab. Ihr müsst wissen, hier gibt es einige behinderte Menschen, die zwar unter Betreuung stehen, aber in WGs größtenteils selbständig miteinander leben. Sei meinen es nicht böse, wenn sie einen hier und da treffen und einem ein Gespräch anzetteln wollen, doch nerven sie nach ner Weile schnell und werden schnell anhänglich, dass sie einem förmlich bis nach Hause folgen.

Später, als wir langsam nach Hause schlenderten, gingen wir durch eine Allee mit ein paar Bänken. Es war schon längst dunkel.
Es kam uns ein Paar mit drei Kindern auf Fahrrädern entgegen. Der Mann warnte uns noch durch Zuruf (Achtung! Wurzener Assi-Jargon): "Ey ihr müssd offbassn! Da drüm isn Flüchtling und schnorrt de Leute an!"
Wir musst lachen, da wir im Schatten einer Laterne erkennen konnten, dass es die selbe Person war, die wir vor kurzem erst abwimmelten.
Als wir allerdings näher heran kamen und sahen, dass sie eine Decke und ein Kissen aus ihrem Beutel zog und auf einer Parkbank ausbreitete, verstummte unser lachen.
wir kamen nun doch in ein Gespräch. Sie sprach nur brockenweise Englisch und Deutsch, was das gesamte Gespräch erschwerte.
Ein Check ihrer Papiere, und viel Geduld beim Übersetzen verschaffte und ein genauere Bild:
Sie war Rumänin, wurde als Zigeuner hierher nach Hamburg verfrachtet und hatte es dort nicht besonders gut. Ihre Familie wurde bereits wieder zurück deportiert, während sie auf der Straße mehrmals verprügelt und ausgeraubt wurde.
Wir saßen im Licht, und ich konnte diesmal ihr Gesicht richtig erkennen. Sie war völlig ausgehungert, die hätte allein im Gesicht mehrere Hämatome und ihr fehlten bereits mehrere Zähne.
Wir gaben ihr zu Essen und Wasser. Sie zog fast die gesamte 1,5l Flasche in einem Zug weg, so durstig war sie.

Wir waren uns einig: Wir können sie da nicht liegen lassen. Aber wohin mit ihr mitten in der Nacht? Die Notaufnahme würde keine ernsten Verletzungen feststellen und sie wieder vor die Tür setzen.
Die Polizei würde sie einkerkern, filzen, verhören und irgendwo hin verfrachten, wo sie nicht hin kann oder will.
Notunterkünfte gibt es hier in Wurzen keine.
Also nahmen wir sie zumindest für eine Nacht auf, zum Glück wohnten meine Freunde nur ein paar Meter weg.
Sie war so dankbar, dass sie uns vor Freude schon küssen wollte.

Dort trennte sich mein Weg von den anderen.

Ich ließ Revue passieren. Ich fühlte mich schlecht bei dem Gedanken daran, erst so egoistisch gewesen zu sein.

Selbst nach allem was ich bisher sah, war dies in dem Moment zu viel für mich... Ich musste mit den Tränen kämpfen.




Doch wir leben doch alle in einer gewöhnlichen Welt, oder?


"Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"

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#2

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 10.07.2017 15:18
von Jedei Groß Meister Jonas • 41 Beiträge

Oha ok krasse Geschichte ich wüsste nicht wie ich reagiert hätte


Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur.
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#3

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 11.07.2017 11:29
von Vrooktar • 1.732 Beiträge

Ich kann nicht wirklich sagen wie ich reagiert hätte.
Der Vorteil an solchen Situationen ist noch, dass man Zeit hat darüber nachzudenken was das beste wäre, das macht es leichter mit den Konsequenzen zu leben.
Das Problem ist halt, wenn man keine richtig guten Optionen hat.


Lerne das unbeherrschbare zu vermeiden und das unvermeidbare zu beherrschen.

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#4

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 11.07.2017 15:44
von Rinam Sewie • 557 Beiträge

Ich bereue diese Entscheidung nicht.

Und ja. Ich bin froh, nicht mit dieser Entscheidung alleine gewesen zu sein


"Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"

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#5

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 15.07.2017 21:54
von Ryia • 149 Beiträge

Ich hatte auch schon krasse Situationen... Ein stark betrunkener Mann mit einer Frau in ner dunklen Gasse, er ist ihr sehr nah gekommen, die Situation war nicht eindeutig -> es kamen noch andere dazu, wir haben uns kurz besprochen, ich habe die Polizei gerufen (es hat erschreckend lange gedauert, bis jemand ans Telefon ging, das dürfte eigentlich nicht sein). Ein Mann, der wie selbstverständlich mit seinem E-Rollstuhl die Straße entlang fuhr -> habe ihn gefragt, ob ich ihm helfen kann und ihn dann auf den Bürgersteig zurück geholt, eine Fahrradfahrerin ist noch stehen geblieben und hat ihre Hilfe angeboten. Auf der Arbeit wäre einer Pflegerin fast ein Mann erstickt -> ich habe den Krankenwagen gerufen. In der letzten Situation hätte ich vom Gefühl her den Krankenwagen einige Minuten früher rufen wollen, aber sie sagte vorher, sie schaffe das und ich konnte die Situation nicht gut einschätzen.

Das, was dir passiert ist Rinam, ist schwierig. Eigentlich sollten überall Notunterkünfte sein. Ich würde mich aber vermutlich nicht trauen, alleine jemanden mit zu mir nach Hause zu nehmen.


“The way I see it, every life is a pile of good things and bad things. The good things don’t always soften the bad things, but vice versa, the bad things don’t always spoil the good things and make them unimportant.” ~The 11th Doctor

zuletzt bearbeitet 15.07.2017 21:59 | nach oben springen

#6

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 19.07.2017 16:58
von Qui-Ran Demera • 38 Beiträge

Weißt Du Rinam... mir kommt das bekannt vor.

Hier in Wien sind viele organisierte Bettler unterwegs und spielen einem auf Knopfdruck den perfekten, sterbenden Schwan vor, aber arm oder gar bedürftig sind sie nicht.
So war ich vor einiger Zeit mit meiner Mutter in die Stadt unterwegs, und auf dem Weg zum Geschäft wurden wir von drei dieser Bettlermafia-Herrschaften nicht nur angeschnorrt, sondern auch angepöbelt. Da hatten wir schon genug.

Nach unseren Einkäufen aßen wir dann eine Kleinigkeit beim Asiaten. Ich bemerkte schon bald im Augenwinkel eine hagere, unsichere Frau. Sie kam näher und wollte mit zitternden Händen zu sprechen beginnen, da bellte meine Mutter - unter dem Eindruck der Geschehnisse vorher - ein lautes und deutliches "NEIN!" in ihre Richtung.
Sie zuckte sehr zusammen und ging hängenden Kopfes ihrer Wege. Ich beobachtete das, meine Mutter auch...
Da sagte ich, dass ich glaube, dass wir dieses Mal die Falsche "erwischt" hatten. Also schnappte ich mir Teile meines Essens und lief der Frau nach. Ich fand sie bei einer Bank, an die Laterne gedrängt, weinend. Da fühlte ich mich ja schon mies... ging dann zu ihr und fragte, ob sie Hunger habe.
Sie sagte ja; ich gab ihr mein Essen und es verschwand in Rekordzeit in ihr.

Sie meinte, sie säße momentan auf der Straße, weil das Sozialamt ihrem Antrag noch nicht stattgegeben, aber der alte Mieter sie schon rausgehauen hätte. Blaue Flecken hatte sie auch überall... ich wusste damit sicher, dass diese Frau wirklich arm dran war, ganz gleich, ob ihre Worte zu 100% wahr waren.

Meiner Mutter tat ihre Reaktion am Ende auch leid; unter dem Eindruck von Menschen, welche die Armut anderer mißbrauchen, handelt man schnell unfair.

Und doch: Wenn Du Dich am Ende dazu entscheidest, innezuhalten, nachzuforschen und doch zu helfen, tust Du das Richtige und hast die Sache ja "wieder gut gemacht".

Wie ging es denn weiter mit der Dame bei Dir?


"So tief Du auch in Deinen Idealen und Deinem Glauben verwurzelt bist; lasse sie nie zu Grenzpfeilern Deines Verstandes werden!"
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#7

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 20.07.2017 18:24
von Rinam Sewie • 557 Beiträge

Furcht ist ein schrecklicher Meister.

Ein paar Tage später traf ich eine der Freunde bei der Post.
Sie aß sich satt, sie duschte und schlief auf der Couch.
Allerdings geriet sie in Panik als sie mitbekam, dass meine Freunde sich wieder an die Behörden für weitere Hilfe wenden wollten. Sie dachte wahrscheinlich, sie würden die Polizei rufen.
Sie verschwand plötzlich, lief aber stadtauswärts und nicht einwärts wie erwartet, was dafür sprechen mag, dass sie sich wirklich von Ort zu Ort trempt.

Als meine Freundin ihre Sachen prüfte musste sie feststellen, dass 15€ in ihrem Portmonee fehlten, aber sie sah drüber weg. "Das arme Ding hatte sie mehr nötig als ich", meinte sie nur.

Seither wurde die Frau aber auch nicht mehr gesehen.


"Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"

zuletzt bearbeitet 20.07.2017 18:25 | nach oben springen

#8

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 13.08.2018 16:28
von Ladho • 18 Beiträge

Ist zwar schon ein Jahr her, aber ich finde deinen Beitrag trotzdem toll, Rinam.
Ich würde ihn gerne wieder aufgreifen.

Erst mal muss ich sagen, dass du tolle Freunde hast, da sie genauso hinsehen wie du. Ich muss mir von Freunden oder Kollegen oft anhören, dass ich ein Helfersyndrom hätte oder Mutter Theresa sei. Gerade meine Freunde (von denen ich eine solche Reaktion nicht erwartet hätte) belächeln mich, statt mal zu helfen. Sie hätten eigene Sorgen, da könnten sie sich nicht noch um dahergelaufene Bettler oder Probleme anderer Leute kümmern. Besser nicht einmischen...

Das denken leider viel zu viele Menschen. Entsprechend finde ich toll von deinen Freunden, dass ihr gemeinsam gesagt habt, ihr helft der Frau. Zumal die Reaktion deiner Freundin nach dem Verlust der 15 € toll war.

Als ich mit meinen Kollegen unterwegs war, lief ein sichtlich verwirrter Mann neben uns auf die Straße. Obwohl meine Kollegen das sahen, machten sie nichts weiter, als sich über den komischen Kauz zu amüsieren. Ich ging hin und sprach ihn an, holte ihn von der Straße, ließ ihn auf einer Bank Platz nehmen. Den Kollegen war das schon zu viel, sie ließen mich komplett alleine und stiegen einfach in die nächste Straßenbahn ein, die wir eigentlich zusammen nehmen wollten. Ich muss dazu sagen, dass ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns besteht und wir alle in demselben Alter sind. Ich habe mich um den Mann gekümmert, und bekam am nächsten Tag im Büro mein Fett weg, ob ich mich nun infiziert hätte bei so einem komischen Kauz, dass das ja wieder tyyypisch ich bin, und es wurde im Büro weitererzählt mit viel Geseufze und "Die wieder!".

Ich dachte ernsthaft, ich bin im falschen Film...in welcher Welt leben wir denn?!


Geduld. Fälle kein schnelles Urteil. Jedes Wesen hat seine Geschichte. - Qui-Gon Jinn
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#9

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 13.08.2018 16:36
von Vrooktar • 1.732 Beiträge

Da muss ich dir soweit beipflichten.
Nichtsdestotrotz macht es wenig Sinn sich an der negativen Haltung anderer festzubeißen.
Letztlich musst du entscheiden, wie du das handhaben willst. Wenn du davon überzeugt bist, dann wird hohles Geschwätz anderer daran nicht rütteln.

In jedem Fall macht es aber dennoch Sinn darüber zu reflektieren ob du so gehandelt hast wie du es wolltest. Auch ob du vielleicht immer noch zu wenig oder schon zu viel getan hast. Genauer hast du das weitere ja nicht ausgeführt, insofern ist unsere Einsicht natürlich begrenzt, mir geht es nur um den Punkt, dass es wichtig ist auch dann das eigene Handeln zu hinterfragen, wenn es der Trotz gegenüber deinen Kollegen gebieten würde das nicht zu tun.


Lerne das unbeherrschbare zu vermeiden und das unvermeidbare zu beherrschen.

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#10

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 13.08.2018 16:49
von Ladho • 18 Beiträge

Nein, der Trotz der anderen, ob Freunde oder Kollegen, rütteln nicht an meiner Entscheidung, zu helfen. Ich wollte damit eher anführen, dass es schade ist, wenn andere den Drang zu helfen nicht spüren oder es ihnen befremdlich, ja sogar lächerlich vorkommt.

Der Mann stand noch zwei Mal auf und irrte umher, weiter vorne kamen zwei Polizisten und die habe ich dann angesprochen. Sie haben ihn dann übernommen. Nichts großes, aber ich wollte ihn, der ja offensichtlich verwirrt war, nicht alleine auf einer stark befahrenen Straße herumstiefeln lassen :-D

Ich habe früher viel schneller geholfen, was teilweise tatsächlich zu Problemen geführt hat. Heute bin ich da wesentlich vorsichtiger. Ich musste erst lernen, die Situationen, in denen Menschen wirklich Hilfe brauchen, besser einzuschätzen.

Sozusagen habe ich früher jedem Schmetterling aus seinem Kokon geholfen, nur um dann mit anzusehen, wie sie kraftlos blieben und eingingen...^^'''''
Heute schaue ich genauer, ob derjenige tatsächlich Hilfe braucht. Manchmal ist es aber immer noch schwer, eine Situation einzuschätzen.


Geduld. Fälle kein schnelles Urteil. Jedes Wesen hat seine Geschichte. - Qui-Gon Jinn
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#11

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 13.08.2018 17:02
von Vrooktar • 1.732 Beiträge

Dass das Einschätzen nicht immer einfach ist lässt sich nicht ändern, aber es ist schon gut, dass du das bedenkst.

Ich denke nicht, dass der Wunsch deiner Kollegen zu helfen nicht vorhanden ist.
Es ist eher ihre erlernte Haltung dessen was "helfen" denn ist.
Wenn manche Menschen schon als "denen ist nicht zu helfen" abgestempelt sind ist es schwierig diesen Drang den du ansprichst zu wecken.
Aber so etwas zu überdenken erfordert Energie und das denken in ungewohnten Pfaden.
Vielleicht denkt schon der ein oder andere Kollege insgeheim darüber nach ob du nicht vielleicht doch das richtige getan hast.
Die Wege der Macht sind unergründlich.


Lerne das unbeherrschbare zu vermeiden und das unvermeidbare zu beherrschen.

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#12

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 13.08.2018 17:29
von Rinam Sewie • 557 Beiträge

Dem hab ich nichts hinzuzufügen.


"Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt"

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#13

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 13.08.2018 19:17
von Ladho • 18 Beiträge

Zitat von Vrooktar im Beitrag #11

Ich denke nicht, dass der Wunsch deiner Kollegen zu helfen nicht vorhanden ist.
Es ist eher ihre erlernte Haltung dessen was "helfen" denn ist.
Wenn manche Menschen schon als "denen ist nicht zu helfen" abgestempelt sind ist es schwierig diesen Drang den du ansprichst zu wecken.
Aber so etwas zu überdenken erfordert Energie und das denken in ungewohnten Pfaden.
Vielleicht denkt schon der ein oder andere Kollege insgeheim darüber nach ob du nicht vielleicht doch das richtige getan hast.



Guter Einwand.
So habe ich das noch nicht gesehen.


Geduld. Fälle kein schnelles Urteil. Jedes Wesen hat seine Geschichte. - Qui-Gon Jinn
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#14

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 13.08.2018 21:34
von Ryia • 149 Beiträge

In einem sehr interessanten Artikel, den ich übrigens hier Ist Empathie sinnvoll? schon gepostet habe, heißt es u.a.

"Empathischer Stress kann aber auch jedermanns Hilfsbereitschaft im Alltag dämpfen. Überfordert uns die Anteilnahme am Schicksal anderer, so blenden wir deren Pein oft kurzerhand aus und fühlen uns nicht mehr verantwortlich. Die Flüchtlingswelle im Sommer 2015 hob solche Reaktionen hier zu Lande auf die poli­tische Agenda. Das anfangs starke Mitgefühl für die Hilfe­suchenden aus Syrien und anderen Krisenherden schlug damals binnen weniger Wochen in den Ruf nach Abschottung und einem Ende des Zustromsum.

Solche Beispiele offenbaren die Schattenseite der Empathie. Einige Forscher wie der Psychologe Paul Bloom von der Yale University in New Haven (USA) wenden sich inzwischen dezidiert gegen das positive Image des Mitgefühls. "Against Empathy" – "Wider die Empathie" – heißt sein Ende 2016 erschienenes Buch.

Laut Bloom macht uns Mitgefühl oft blind dafür, wo unsere Hilfsbereitschaft am sinnvollsten angebracht wäre. Das Bild eines einzelnen Gewaltopfers rühre uns stärker als etwa alle Hiobsbotschaften in Sachen Klimawandel. Dabei sei Letzterer unterm Strich mit deutlich mehr Opfern verbunden und müsse dringender angegangen werden als ein individuelles Schicksal, so schlimm dieses auch sein mag."



Ob das jetzt in dem erwähnten Beispiel greift, sei mal dahin gestellt, aber ich finde es jedenfalls interessant, dass zu viel Empathie quasi genau das Gegenteil bewirken kann als ein gesundes Maß davon.


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zuletzt bearbeitet 13.08.2018 21:43 | nach oben springen

#15

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 14.08.2018 21:22
von Ladho • 18 Beiträge

Ich habe den Artikel eben mal gelesen.

An und für sich ist er wirklich gut und er passt hier meiner Meinung nach auch her. Ich denke auch, dass viele sich einfach verschließen. Wie oft bekomme ich gesagt: "ach, mit all dem Schrecklichen dieser Welt darf man sich gar nicht befassen." Das ist Selbstschutz. Aber die Augen vor allem zu verschließen macht es leider auch nicht besser und fördert das Denken, nur in seiner eigenen kleinen Welt zu leben.

Ich lebe auch in meiner kleinen Welt, aber ich verschließe die Augen vor den Problemen anderer nicht. Ich mache mich deshalb nicht fertig, aber es gab früher eine Zeit, in der ich vor lauter Empathie auch nicht mehr helfen konnte. Ein gewisser Abstand dazu wird einfach benötigt. Ich verstehe das.
Ich fange nun auch an zu verstehen, warum so viele die Augen verschließen und nicht darüber nachdenken.

Wie Vrooktar bereits als Antwort auf den Artikel schrieb:

Zitat
Ein Heilmittel in den Händen eines Narren ist Gift. Ein Gift in den Händen eines Weisen ein Heilmittel.

(aus: Ist Empathie sinnvoll?.

In dem Artikel heißt es an einem Punkt:

"Wie Psychologen um Carol Dweck von der Stanford University zeigten, reagieren Menschen im Schnitt empathischer, wenn sie diese Fähigkeit für flexibel halten. Erscheint sie ihnen dagegen als ein fester Charakterzug, geizen sie eher damit. Vermutlich, weil ihnen das Verhalten dann weniger verwerflich vorkommt, nach dem Motto: Ich kann nichts dafür, ich bin nun einmal so."

Was haltet ihr von diesem Satz: Ich kann nichts dafür, ich bin nun einmal so?
Den habe ich in letzter Zeit sehr häufig von Freunden und Bekannten gehört, und muss sagen, er ärgert mich ein bisschen.
Wie geht es euch damit?


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#16

RE: Gewöhnliche Welt

in Gott und die Welt 14.08.2018 21:38
von Ladho • 18 Beiträge

Übrigens gibt es ein japanisches Sprichwort, das hier vielleicht gut passt:

可愛さ 余って 憎さ 百倍
Kaiwasa amatte nikusa hyakubai.

Bedeutet soviel wie: Ist die Liebe zu groß, bleibt nur hundertfacher Hass.


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